14.06.2012

Scharf wie Chili

Música Campesina
Música Campesina,
junge Jungs in jungem Kino

Junges Chile­ni­sches Kino zu Gast in München bei den Latein­ame­ri­ka­ni­schen Filmtagen (Gasteig, 16.-22. Juni 2012)

Von Dunja Bialas

Chile ist irgendwie immer noch Pinochet, so stark hat er sich mit seiner Militär­dik­tatur, die von 1973 bis 1990 andauerte, in unser histo­ri­sches Bewusst­sein gesetzt. 17 Jahre Diktatur, das sind 17 Jahre Repres­sion und für viele auch 17 Jahre Exil im zumeist europäi­schen Ausland. In dieser Zeit gab es kaum ein nennens­wertes chile­ni­sches Film­schaffen. Seit über 20 Jahren aber leben nun auch die kurz vor oder während der Diktatur Geborenen in demo­kra­ti­schen Verhält­nissen, die chile­ni­sche Film­pro­duk­tion wurde reani­miert und die Zensur abge­schafft. Seit Ende der 90er ist es offen­sicht­lich: Junge chile­ni­schen Filme­ma­cher melden sich mit der bele­benden Schärfe ihrer Filme auf der kine­ma­to­gra­phi­schen Landkarte zurück.

Sieben Werke aus den letzten fünf Jahren zeigen nun die Latein­ame­ri­ka­ni­schen Filmtage eine Woche lang in München. Bis auf eine Ausnahme stammen sie alle aus der neuen Gene­ra­tion der Filme­ma­cher. Die Ausnahme macht wie eine Erin­ne­rungs­klammer zwischen der Diktatur und dem heutigen Tag der altver­diente Doku­men­tar­film­m­eister Patricio Guzmán, Jahrgang 1941, dessen poeti­sches Filmessay Nostalgia de la luz gezeigt wird. (So., 17.06., 19 Uhr und Do., 21.06., 21 Uhr)
Guzmán begann ein paar Jahre vor der Diktatur Filme zu machen, ungefähr zur Zeit, als der erste der Filme­ma­cher der »neuen« Gene­ra­tion geboren wurde, Mitte der 60er Jahre. Denn das »junge« chile­ni­sche Kino wird von heute nicht mehr ganz jungen Filme­ma­chern geprägt; die bei den Latein­ame­ri­ka­ni­schen Filmtagen präsen­tierten Regis­seure sind schon weit in den Dreißi­gern – ein Anzeichen für die retar­die­rende Wirkung, die die Diktatur auf die Biogra­phien der jetzt Erwach­senen hatte.

Viel­leicht ist auch dies der Grund, weshalb viele der chile­ni­schen Filme sich in einer seltsamen Art von vorsich­tigem Atem­still­stand aufhalten, der so stil­prä­gend geworden ist. Wie der neue Film von José Luis Torres Leiva, der befreiend-bedrü­ckende Verano, der auf dem Filmfest in München zu sehen sein wird, handelt auch Turistas von Alicia Scherson von einem Ausbruch während eines Sommer­ur­laubs. Die Prot­ago­nisten sind hier im besten Erwach­se­nen­alter, Mitte Dreißig, und bereit, sich unter einer uner­bitt­li­chen Sonne die wichtigen und schwie­rigen Fragen des Lebens zu stellen. (So., 17.06., 21 Uhr und Di., 19.06., 19 Uhr)

199 recetas para ser feliz (199 Rezepte, um glücklich zu sein) von Andrés Waiss­bluth atmet eine ähnliche Atmo­s­phäre. Der Film des 1975 im ameri­ka­ni­schen Exil Geborene spielt in der Sommer­hitze Barce­lonas. Ein junges Mädchen, das bei einem chile­ni­schen Paar zu Besuch ist, bringt die geord­neten Verhält­nisse durch­ein­ander. Wunden der Erin­ne­rungen und Sehn­süchte der Begierde kommen an die Ober­fläche. (Mo., 18.06., 21 Uhr und Mi., 20.06, 19 Uhr)

Alberto Fuguet, geboren 1964, Regisseur von Música Campesina (Country Music), ist Autor von fast fünfzehn Erzähl­bänden und gilt als begna­de­tester Dialog­schreiber des südame­ri­ka­ni­schen Konti­nents. Geprägt hat er eine neue Richtung der Literatur, die »Nueva Narrativa Chilena«, die die Abkehr vom ewigen »Magischen Realismus« einläu­tete. Gespannt kann man sein, ob Fuguet, der vom »Time Magazine« zu einem der »fünfzig Leader des Konti­nents im neuen Jahr­tau­send« gekürt wurde, auch erneuernd auf das immer noch junge Film­schaffen wirkt. Música Campesina immerhin wurde ohne Dreh­ge­neh­mi­gung und mit Studenten in Nashville gedreht. Ein frischer, doku­men­ta­ri­scher Stil durchweht die Geschichte vom lonly heart Alejandro Tazo, der sich auf die Suche nach einem neuen Leben macht. (Sa., 16.06., 21:30 Uhr und Di., 19.06., 21 Uhr)

Alle Filme werden im Vortrags­saal der Stadt­bi­blio­thek im Gasteig gezeigt. Eintritt 7 Euro / ermäßigt 5 Euro. Eröff­nungs­film Huacho (ausführ­liche Bespre­chung hier): Eintritt 9,50 Euro / 7,50 Euro mit einem Vortrag von Dr. Verena Schmöller über das zeit­genös­si­sche Film­schaf­fens Chile. Weitere Infor­ma­tionen zur Veran­stal­tung und das Programm mit allen Filmen finden Sie hier.

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