09.02.2012

Kopf ab, und nichts vergessen

Subjektiv - Dokumentarfilm im 21. Jahrhundert

Alle Jahre wieder:
Anke Engelke führt durch
die Berlinale-Eröffnungsgala

Doris Dörrie, Berliner Geld und die bayerische Mafia – Notizen von der Berlinale, 1. Folge

Von Rüdiger Suchsland

Klar, normalerweise lesen wir natürlich nicht den »Focus« – igittigitt, nein, wirklich nicht, und das aus vielen Gründen. Ein kleiner Hinweis hat uns trotzdem zum Schlabberheft des Info-Prekariats greifen lassen: In München hatten sie keinen besseren Gedanken (oder alle anderen haben abgesagt), als Doris Dörrie zu interviewen. Nun wissen wir ja schon länger, dass Dörrie nicht gerade eine Leuchte ist, und dass sie wahnsinnig schlechte Filme macht, ist auch nichts Neues. Aber das sie auch noch einen schlechten Charakter hat... Da schimpft nämlich Dörrie gegen die Berlinale. Da gebe es, so Dörrie, "leider inzwischen immer mehr diese komplette Ablösung des Festival-Films vom Publikumsfilm. ... das unkluge und hochgefährliche Auseinanderdividieren von Filmen fürs Publikum und Filmen fast gegen das Publikum". Und dann wie Wulff, "und das sehe ich mit großer Besorgnis".

Hoho! Das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen. Ausgerechnet Dörrie, die dank Kosslick und nur dank Kosslick vor ein paar Jahren sogar im Wettbewerb lief – mit ihrem mäßigen Kirschblüten. Ausgerechnet Dörrie, die noch nie etwas anderes gemacht hat als Publikumsfilme, denen das Zeug zum Festivalfilm fehlt, weil sie für den intelligenten Teil des Publikums zu blöd sind. Ausgerechnet Dörrie, der die Größe fehlt, die Größe ihrer besseren deutschen Kollegen, wie etwa Christian Petzold, der diese Filme macht, die sie dann als Festival-Film gegen ihren eigenen banalen Schrott ausspielt. Ausgerechnet Dörrie, die schon einen bayerischen Filmpreis hinterhergeworfen bekommen hat, obwohl noch kein Mensch aus dem Publikum ihren Film sehen konnte. Ausgerechnet Dörrie, die als Filmemacherin nichts ist, als ein Wurmfortsatz der bayerischen Fördertröpfe. Die dümmste Bemerkung Dörries ist dann aber nicht die über die Berlinale, sondern über den Bundesfilmpreis: "Dieses Auseinanderdividieren lässt sich auch an der Vorauswahl zur Nominierung für den Deutschen Filmpreis ablesen. Da sind auch die meisten Publikumserfolge außen vor geblieben, und auch Glück hatte es nicht geschafft." So ein Blödsinn. In der Vorauswahl der Filmakadiemie, die weißgott wieder kein Ruhmesblatt ist, finden sich solche Festivalfilme wie Anonymus, Baikonur, Blutzbrüdaz, Hotel Lux, Klitschko, Rubbeldiekatz, Tom Sawyer, Die vierte Macht, Vorstadtkrokodile 3, Wickie auf grosser Fahrt – glücklicherweise gibt's aber noch ein paar andere. Übrigens wurden bei der Akademie, nachdem es Anatol Nitschke im Vorjahr vorgemacht hat, 24 Wildcards gezogen – schön, dass der deutsche Kritikerverband nicht der einzige ist, der sich mit seiner Preisverleihung lächerlich macht.

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Vielleicht hat das alles ja auch einfach mit »der Bayern-Mafia« zu tun, wie eine Kollegin den filmisch-industriellen Komplex aus dem Süden nennt ? Vielleicht muss man bei Burda auch den Filmstandort München stärken, und wie könnte man das besser, als gegen Berlin zu stänkern? Trotzdem liegt Berlin bzw. das Medienboard auch in punkto Förderaufwand einmal mehr vor der bayerischen Filmförderung. Und wenn man dann noch sieht, wofür das Geld ausgegeben wird... Nur in den unsäglichen Zettl haben alle Geld hineingebuttert – wer will schon zu Helmut Dietl nein sagen?

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Anke Engelke, Anke Engelke, Anke Engelke... Man fragt sich ja..., weniger, warum es ihr selber nicht zu blöd wird (bei geschätzten 50.000 Euro Gage pro Auftritt versteht man das schon), als warum die Auftraggeber sie eigentlich immer noch beschäftigen: Deutscher Fernsehpreis, Europäischer Songcontest, Europäischer Filmpreis, 3sat, arte, und jetzt wieder mal Berlinale Eröffnung, Berlinale Preisverleihung – Anke Engelke ist Kino, auch wenn sie noch keinen Kinofilm gemacht hat, von einigen Synchronauftritten mal abgesehen.

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Jetzt geht es also wieder los: Morgen rollen im Eröffnungsfilm die schönen Köpfe von Diane Krüger, Virginie Ledoyen und Lea Sedoux, dann gibt es einen Wettbewerb mit drei deutschen Regisseuren, von denen zwei ihren vierten Wettbewerbsfilm seit Kosslicks Amtsantritt auf der Berlinale zeigen, Christian Petzold sogar seinen siebten Film auf der Berlinale. Man freut sich also, aber erwartet keine Sensationen. Dann Ursula Meier, Brillante Mendoza, wieder mehr Franzosen als zuletzt. Auf dem Papier sieht der Wettbewerb klar besser aus, als in den letzten Jahren. Aber Papier ist bekanntlich geduldig, und jeder, den ich kenne, findet wie ich, dass dem Wettbewerb zuletzt die kuratorische klare Kante gefehlt hat. Mir geht es heute eher wie dem Filmredakteur einer Berliner Lokalzeitung. Der meinte neulich, bei manchen Namen, etwa Mendoza, der zuletzt in Cannes und Venedig war, und bei dem immerhin Huppert mitspielt, frage man sich ja: Wo liegt der Haken? Was ist mit dem Film? Ist er etwa schlecht, sonst würde er ja nicht auf der Berlinale laufen. Die beste Vorrausetzung für diese Berlinale ist also, dass die Erwartungen so niedrig sind. Da kann es nur positive Überraschungen geben.

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Seit Dieter Kosslicks Amtsantritt im März 2001 wurde die Berlinale verkürzt und der Wettbewerb verkleinert. Das Festival beginnt einen Tag später und hört einen Tag früher auf, zudem ist der letzte Tag in einen reinen Publikumstag umgewandelt worden, an dem alle Akkreditierungen ihre Gültigkeit verloren haben. Der Wettbewerb wurde deutlich um bis zu ein Drittel verkleinert. 2012 laufen 18 Filme im Wettbewerb, 2011 gar nur 16, in den ersten Jahren unter Kosslick waren es wie unter seinem Vorgänger klar über 20 Filme. Diese Reduktionen des Festivals fallen noch deutlicher im Vergleich mit der direkten Konkurrenz auf, den A-Festivals von Cannes und Venedig, die länger dauern und mehr Filme präsentieren. Personelle Fragen sind inhaltliche Fragen. Der Berlinale täte personeller Wechsel und Wandel gut. Keiner ist unentbehrlich. Auch nicht Dieter Kosslick. Wenn einer zehn Jahre amtiert, könnte man einfach seine Amtszeit auslaufen lassen. Zudem sollte das Verfahren der Ernennung zukünftiger Direktoren und deren Amtszeit überprüft sowie transparenter und wandlungsfreundlicher geregelt werden.

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»Welches Erlebnis verbinden Sie mit der Berlinale?«, werde ich von der Festivalzeitung gefragt. Meine Antwort: »Dreierlei: 1. Die alten Kinos am Ku-Damm, das waren wunderbare Raumerlebnisse aus einer anderen Zeit, mit denen kaum eines der heutigen Kinos mithalten kann – etwa das Astor (das echte, alte, in dem heute Tommy-Hilfinger-Hemden verlauft werden). Dort sah ich Lulu in der Pabst-Retro 1997, meiner ersten Berlinale, und großartige Preminger-Filme – mein letzter war der letzte dieses Kinos im Berlinale-Rahmen: Bunny Lake Is Missing, am letzten Sonntag 1999. Das andere tolle Kino ist das Royal, die »größte Leinwand Europas«, dort den Schmachtfetzen Der englische Patient, den ersten Anime, Prinzessin Mononoke, und dann im Panorama Fucking Åmål von Moodysson, schwedische Teenis plötzlich vier Meter groß. Im Kino gilt: Bigger is bigger! 2. Die Mitternachtsvorstellungen des Forums im Delphi: Einen Hongkong-Film mit 200 Chinesen zu sehen, das war unvergleichlich! 3. Jener Tag, als ich einmal hintereinander 7 Filme sah: Der letzte war ein Bollywood-Melo, das erste meines Lebens, ab Mitternacht im Forum: Dil Se. Erst tanzte Shah Rukh Khan singend auf fahrenden Zügen, am Ende fliegt er in die Luft – ein Wahnsinn!

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Eine Neuerung aus der Berlinale-Presseabteilung: Jeden Tag bekommt man jetzt schon seit Montag, eine tägliche Pressemitteilung mit dem Subject »Berlinale Ankünfte / Arrivals«. Darin heißt es »Im Anhang finden Sie die Berlinale–Ankünfte für den...« und Datum. Darin steht dann mit Flugnummer und Flughafen die Ankunftszeit von zum Beispiel Virginie Ledoyen oder Barnaby Southcombe.

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Kritik ist auch ein moralischer Akt. Es geht nicht nur darum, eine schöne Kritik zu schreiben.

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Ein Filmfestival wie die Berlinale ist vieles und muss vieles sein. Sie ist ein Marktplatz, ein Schaufenster des Weltkinos, sie ist eine spezielle Bühne des europäischen und des deutschen Films. Sie ist heute selbst Filmcoproduzent, Filmakademie, Filmmuseum. Sie ist ein Aufmerksamkeitsverstärker, eine Fachmesse, ein Publikumsevent, nach eigenem Selbstverständnis ein besonderer Ort für den politischen Film. Vor diesem Hintergrund kann sich jeder an den nächsten Tagen einmal folgende Fragen stellen: Wie wichtig ist in diesem Geflecht von Funktionen das, was die Berlinale früher vor allem war, und – vielleicht sogar nach eigenem Verständnis – auch immer sein soll: Ein Ort für Entdeckungen neuer Trends und Tendenzen, unbekannter Regisseure und übersehener oder unterrepräsentierter Filmregionen und Kinematographien? Ist, anders gefragt, die Berlinale so gut, wie sie sein kann? Stimmen Selbstdarstellung und Wirklichkeit der Berlinale überein? Schließlich: Was ist der politische Wille hinter der Berlinale? Das sind die Leitfragen.

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Lustige Frage eines Bekannten: Ob die Berlinale vielleicht auch »Too big to fail« sei?

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