Dieser Artikel erschien zuerst in der SZ am 04.05.2011, S. R 11

Der Text Blick aus der Schublade von artechock-Autorin Dunja Bialas, den sie als Reaktion auf einen Artikel von Rainer Gansera schrieb, und als Selbstversuch in Sachen Abhängigkeit und freie Meinungsäußerung unternahm, hat uns folgendes schöne Lob eingebracht: »Danke, dass artechock immer wieder auch journalistische Arbeitsweisen thematisiert!« Uns wurde aber auch die Frage gestellt, wo man denn den Originalartikel, auf den sich unsere Autorin bezieht, nachlesen könne. Dies kann man jetzt bei artechock, im Sinne eines transparenten Journalismus!

Aus jeder Schublade etwas

Buster Keaton – The Cameraman
Blick zurück: Klaus Wildenhahn fragte 1982 »Was tun Pina Buasch und ihre Tänzer in Wuppertal?«. Der Film ist einer von vier seiner Dokumentationen, die auf dem Festival gezeigt werden. Unser Bild zeigt Pina Bausch.

Zur Eröffnung des Dok.Fests, das heuer in überraschend viele Reihen untergliedert ist

Von Rainer Gansera

München – Das Begleitheft zum 26. Internationalen Dokumentarfilmfestival, das am heutigen Mittwoch beginnt, verwundert. Es annonciert ein Programm in mehr Reihen, Unterreihen und Veranstaltungssegmenten als das Festival von Venedig. Man liest Titel wie »DOK.guest«, »DOK.deutsch«, »DOK.special« und so fort – aber ein Festival-Konzept will sich nicht erkennen lassen. Es sieht aus, als wolle sich Daniel Sponsel dieses Jahr alleiniger Festivalleiter, bei dem Wettbewerb »Wie bringe ich eine überschaubarer Anzahl von Filmen in ein möglichst unüberschaubares System kleinteiliger Reihen, Schubladen und Schienen?« ganz vorn platzieren. Es wird Fülle suggeriert, wo es an konzeptuellen Ideen und programmatischer Kohärenz mangelt.

Über die Jahre hat sich für das von Gudrun Geyer begründete, von Hermann Barth zwischen 2002 und 2009 geleitete Festival eine schlichte Kernstruktur herausgebildet: Best-of plus lokale Premieren. »Best-of« heißt : die besten Dokumentarfilme, die man auf anderen Festivals entdecken konnte. Das ist auch dieses Jahr wieder so – und für ein Zuschauerfestival ganz richtig.

Gute Dokumentarfilme zeigen die Bilder hinter den Bildern, sie tauchen in brisante Wirklichkeiten ein, von denen man im medialen Alltag nur Schnipsel oder Plakatives zu sehen bekommt Das tut Dominique Christian Mollard mit »Adrift: People for a lesser god« (Freitag, 17 Uhr, Arri, und Montag, 19 Uhr, Gasteig), wenn er verzweifelt nach einem besseren Leben Ausschau haltende Flüchtlinge auf der riskanten Bootsfahrt von Mauretanien zu den Kanarischen Inseln begleitet. Wie alle Jahre gibt es diverse Musikfilme und Künstlerporträts. Besonders anrührend: das betagte holländische Künstlerpaar in »Not without you« (Sonntag, 17 Uhr, Arri, und Dienstag, 19.30 Uhr, Atelier 2), und besonders eindringlich: Anselm Kiefer im südfranzösischen Barjac bei der Fertigung seiner monumentalen, apokalyptisch umwölkten Objekte in »Over your cities grass will grow« (Freitag, 20.30 Uhr, Filmmuseum, und Sonntag, 11 Uhr, Pinakothek der Moderne) von Sophie Fiennes.

So weit, so gut. Nun sollte ein Festival aber auch eigene Kontur und Besonderheit ausprägen, etwa durch Fokussierung auf aktuelle Themen oder Tendenzen dokumentarischer Arbeit. Dafür zeigt der Festivalleiter, der wahllos jede Menge Schubladen aufzieht, weder Verlangen noch Gespür. In den letzten Jahren hat sich das Spektrum des Dokumentarfilms noch einmal weit aufgespannt: zwischen populärkulturellen, spektakulären Hochglanzprodukten wie »Unsere Ozeane« einerseits und experimentellen Annäherungen an die bildende Kunst andererseits. Solche Grenzbereiche zu erforschen, wäre für ein Dokumentarfilmfestival derzeit eine spannende Aufgabe.

Festivalbesuchern sei ein Abstecher ins Haus der Kunst empfohlen. Dort ist in der »Aschemünder«-Ausstellung der Sammlung Goetz eine Reihe aufregender Videoinstallationen zu besichtigen. Darunter »Immersion« von Harun Farocki, der zu den wichtigsten Vertretern des essayistischen Dokumentarfilms zählt. Er zeigt die Funktion virtueller Bilder von Irakkrieg-Gefechtsszenen im Zuge einer Therapie traumatisierter Soldaten.

Ein Beispiel für besonders uninspirierte Programmierung: Zur Eröffnung wurde ein Film ausgewählt, der sich als Beitrag zur Atomenergiedebatte empfehlen mag. Er heißt »Unter Kontrolle«, entstand vor der Katastrophe in Fukushima, und erweist sich als belanglose, mit ironischen Suggestionen unterfütterte, impressionistische Tour durch Kernkraftwerke. In keiner Hinsicht kann ein Film, der sich der Perspektive offizieller Werksführungen unterordnet, der aktuellen Debatte dienlich sein. Jeder Titel aus der internationalen Reihe wäre ein würdigerer Eröffnungsfilm. Und: So verdienstvoll die Hommage an Klaus Wildenhahn auch sein mag – sie nennt sich »Retro« und zeigt vier Arbeiten aus einem Œuvre von mehr als 40 Filmen: Sie ist ein schwacher Abklatsch der Veranstaltungen, die das Leipziger Dokumentarfilmfestival letztes Jahr dem deutschen cinema-direct-Pionier widmetet.

Eine veritable Neuheit (für München) hat Sponsel zu bieten: die gleich wieder in vier Unterkategorien gegliederte »Forum«-Reihe von Workshops und Seminaren. Diese Veranstaltungen, die auf Filmstudenten, Macher und Fachbesucher abzielt und Themen wie »3D« und »Essayfilm« behandeln, sollen im kommenden Jahr im HFF-Neubau gebündelt werden. Sie zeigen aber heuer schon jene schulische Selbstbezogenheit, die dem publikumsoffenen Begegnungscharakter eines Festivals entgegenläuft. Sollten »Forum«-Workshops nicht auch Themen der gezeigten Filme aufgreifen (Balkanfilme, Wildenhahn)? So wäre etwas wie Konzept oder Kohärenz zumindest andeutungsweise zu erkennen.

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