24.09.2009

Die Linie am Horizont

Claire Denis

Claire Denis' Debütfilm Chocolat – Zur Retrospektive im Münchner Filmmuseum

Claire Denis, 1948 als Tochter eines Offiziers in Paris geboren, verbringt ihre Kindheit in Kamerun, Burkina Faso und Djibuti (Westafrika). Als sie 14 Jahre alt ist, kehrt ihre Familie nach Paris zurück. Oft kreisen ihre Filme um Identität, Entfremdung und Migration. Das Münchner Filmmuseum widmet der engagierten, französischen Autorenfilmerin jetzt eine Retrospektive, in der ihr Spielfilmdebüt Chocolat (Freitag, 25. September, 21 Uhr) zu  sehen ist.

Kerzengrade sitzt die achtjähige France (Cecile Ducasse) an einem gedeckten Tisch. Sie trägt dem Bediensteten Protée (Issach Bankolé) auf, ihr noch etwas von der Suppe aufzugeben. Zuerst nimmt sie einen Löffel, den nächsten hält sie Protée hin. Er beugt sich zu ihr hinunter, lehnt dabei seine Arme auf dem Tisch auf. Gewissenhaft verköstigt France ihn. Jedesmal hält sie die Hand unter den Löffel, um die herabfallenden Tropfen aufzufangen. Als der Teller leer ist, streckt sie Protée ihre kleine Hand hin. Er leckt sie ab. France muss lachen. Protée blickt sie ernst an, forschend schaut sie in sein Gesicht.

Es sind alltägliche Dinge, von denen Regisseurin Claire Denis in Chocolat (1988) erzählt. Von der unerträglichen Hitze im Französisch-Westafrika, vom Warten auf den Vater und von Protées Fürsorge in dessen Abwesenheit. Doch in diesen Szenen geht es um weit mehr; darum, dass Kulturen unübersetzbar und die Grenzen zwischen Schwarz und Weiß unüberbrückbar sind. Diese Erfahrung macht die achtjährige France, Tochter eines Kolonialbeamten. Wirklich begreifen tut sie das alles nicht, aber sie ist neugierig und ernsthaft gewillt das Geheimnis, das Protée und die anderen schwarzen Boys umweht, zu ergründen. So betrachtet sie stumm die offene Halsschlagader eines Pferdes, lässt sich von Protée Blut auf ihre Pulsader schmieren. Oder sie liegt mit ihm vor der sengenden Sonne schutzschuchend unterm Auto, schneidet Ameisen mit einem Holzstab den Weg ab. Manches Mal drückt sie aber auch auf der Veranda die Schulbank und starrt angestrengt zu einem gewaltigen, kargen Hügel rüber; oder aber sie zieht mit ihrem Esel  durch die Gegend. Das Glänzen schwarzer Haut, der wohl geformte Oberkörper von Protée und sein geschmeidiger Gang bleiben ihren Blicken nicht verborgen. Im Haus schlägt sich ihre Mutter (Giulia Boschi) unterdessen mit anderen Problemen herum, wie unangemeldeten, unliebsamen Besuch oder ihre aufkeimenden Gefühle für Protée. Als der Vater (Francois Cluzet) von seiner Reise zurückkehrt, erklärt er France, seiner »kleinen Ameise«, liebevoll, was ein Horizont ist. Eine Linie, die, egal wie man sich ihr zu nähern versucht, sich stets entfernt.

Zwanzig Jahre später kehrt France (Mireille Perrier) an den Ort ihrer Kindheit zurück. Sie erinnert sich an diese und andere Begebenheiten, an ihre Faszination für Afrika. Aber auch daran, wie Protée ihr sagte: »Meins ist meins, deins ist deins.« Trotzdem bleibt France dieses Land fremd, auch als erwachsene Frau. Für diese Fremdheit findet Claire Denis Bilder voller Ernsthaftigkeit und/ oder irritierender Körperlichkeit; in manchen Momenten blitzt gar Humor auf. Allesamt geheimnisvolle Bilder, die der Wirklichkeit abgeschaut sind und der Fantasie entsprungen.

In einer Szene etwa besucht die kleine France Protée in der Garage. Er repariert gerade den Generator. Sie fragt, ob das Rohr da heiß sei. Statt zu antworten, umfasst Protée es mit der Hand. Als France es ihm gleichtut, zieht sie ihre Hand mit einem Aufschrei weg. Langsam nimmt Protée seine brennende Hand weg. Das Gesicht verzieht sich, Tränen rinnen über die Wangen. Dann geht er davon. »Ich glaube, es gibt kein Leben ohne inneren Schmerz«, sagt Claire Denis in einem Interview. Gemeint ist damit wohl, dass Menschen verschiedene Sehnsüchte umtreiben. Diese versucht Denis in ihren Filmen über Blicke und Geste einzufangen – und damit zeigt sie auch das Scheitern dieser Sehnsüchte. Sein Geheimnis, wie es ist, ein Schwarzer zu sein, gibt Protée dem weißen Mädchen letztlich nicht preis, wohl aber seinen Schmerz.

Stefanie Schulte-Krude

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