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Zum 9. Filmfestival des mittel- und osteuropäischen
Films "goEast" in Wiesbaden vom 22.04 bis 28.04.2009
Mit der Großaufnahme eines Jungen,
der in die Kamera blickt und dann schmerzerfüllt die
Augen schließt, bevor die Leinwand schwarz wird, endet
der große Gewinner des diesjährigen „goEast“-Festivals
des mittel- und osteuropäischen Films, das Ende April
in Wiesbaden zu Ende gegangen ist. Der zwölfjährige
Tedo im georgischen Wettbewerbsbeitrag „Das andere
Ufer“ (Gagma Napiri) von George Ovashvili schließt
die Augen vor einer Welt, deren Anblick er nicht länger
erträgt, weil sie ihn zutiefst verletzt hat. „Das
andere Ufer“ spielt im heutigen Grenzgebiet zwischen
Georgien und dem abtrünnigen Abchasien, einer vom Bürgerkrieg
verwüsteten Region, in der Menschen wie Freiwild behandelt
werden, elternlose Kinder ums Überleben kämpfen
und Familien gewaltsam auseinander gerissen werden. So geht
es auch Tedo, der verzweifelt nach seinem verschollenen Vater
sucht. Die Verzweiflung des Jungen am Ende von „Das
andere Ufer“ war wohl der bewegendste Moment des 9. „goEast“-Festivals.
Zurecht wurde der 1963 geborene George Ovashvili, der in
Wiesbaden seinen ersten Langfilm vorstellte, mit dem Hauptpreis „Goldene
Lilie“ sowie dem Preis des internationalen Kritikerverbandes
FIPRESCI ausgezeichnet.
Verwüstungen in Landschaften und Verwundungen in Seelen,
die aus der Vergangenheit des Sowjetreiches herrühren
und noch heute die Länder Mittel- und Osteuropas prägen,
waren das unausgesprochene Leitmotiv des Spielfilmwettbewerbs
in Wiesbaden: Nahezu alle Beiträge porträtierten
Menschen, die verwirrt zwischen Überbleibseln des Totalitarismus
und einem neugeordneten, und doch chaotischen Jetzt hin- und
hergestoßen werden. So begleitet die russische Tragikomödie „Verrückte
Rettung“ (Sumasšedšaja pomošc) zwei Trottel
durch ihren Moskauer Alltag und entlarvt dabei das Leben in
der russischen Metropole als Farce. In minutenlangen Einstellungen
ohne Kamerabewegung tun sich der naive Landarbeiter Zhenja
und ein geistig verwirrter Ingenieur zusammen, um eine Reihe
seltsamer Missionen zu erfüllen – zum Beispiel Botschaften
aus einem Vogelhäuschen zu empfangen oder das mysteriöse
Aufklappen einer Mülltonne zu deuten. Zwischendurch werden
die beiden von Straßenbanden verprügelt oder treffen
immer wieder auf einen Polizeiinspektor, der sich selbst als
Mobbing-Opfer fantasiert. So schwer verständlich und beliebig
diese Inhaltsbeschreibung klingt, so ist auch das Kinoerleben
von „Verrückte Rettung“. Regisseur Boris Chlebnikov,
der bei „goEast“ mit dem Preis für die Beste
Regie der Landeshauptstadt Wiesbaden ausgezeichnet wurde, will
seinen Film als Metapher auf das heutige Moskau verstanden
wissen – einer Stadt, die sich 20 Jahre nach dem Mauerfall
auf die Suche nach sich selbst begeben hat.
Auch der Protagonist in Goran Rušinovics „Buick
Riviera“ hat sich selbst noch nicht wiedergefunden.
Verloren hat er sich im Jugoslawienkrieg: Anfang der neunziger
Jahre ist der Kroate Hasan aus Bosnien in die USA geflohen,
wo er die Polizistin Angela geheiratet hat. Ziel- und arbeitslos
lebt er in den Weiten North Dakotas in den Tag hinein und
wird immer wieder von Albträumen geplagt, die ihn in
die brutale Zeit des Bürgerkriegs zurückversetzen.
Einzig sein Auto, ein Buick Riviera aus den Sechzigern, scheint
Hasan Ruhe zu schenken: Sitzt er hinter dem Steuer des Wagens,
entspannt sich Hasan und kann alle Sorgen und Erinnerungen
abschütteln. Als der Buick Riviera eines Tages im Schnee
stecken bleibt, kommt ihm zufällig Vuko zu Hilfe. Der
Serbe stammt ebenfalls aus Ex-Jugoslawien und provoziert
den Muslimen Hasan nach anfänglicher Freundlichkeit
schon bald mit altbekannten Vorurteilen. Die Vergangenheit
des ethnischen Konfliktes baut sich in der neuen Heimat der
beiden Männer zu einer gefährlichen Spannung auf. „Buick
Riviera“, eine Koproduktion zwischen Kroatien, Bosnien
und Herzegowina sowie Deutschland, entwickelte sich in Wiesbaden
schnell zu einem Favoriten des Festivalpublikums: Zwei hervorragende
Schauspieler, ein messerscharfes Drehbuch und vor allem der überzeugende
Stilwillen des Regisseurs Goran Rušinovic, der mit seinen
trist-schönen Tableaus an die Filme des Isländers
Fridrik Thor Fridriksson erinnert, prägen einen der
besten Beiträge des diesjährigen „goEast“-Wettbewerbs.
Einige Filme tauchten gleich ganz in die
Vergangenheit ein und erzählten als historische Epen von den Repressalien
der sowjetischen Besatzungsmacht und deren tragischer Wirkung
auf das Leben in den einzelnen Regionen: „Geschenk
an Stalin“ (Podarok Stalinu) von Rustem Abdrashov spielt
im Jahr 1949 in der Einöde Kasachstans: Eisenbahnwaggons
voller politischer Häftlinge durchrollen das Land auf
dem Weg in weit entfernte Lager. Bei einem Zwischenstopp
rettet der alte Kasache Kasym den jüdischen Jungen Sashka
und nimmt ihn als Ziehsohn bei sich auf. Sashka glaubt, wenn
er Stalin zum 70. Geburtstag ein ganz besonderes Geschenk
schicken würde, könne er zur Belohnung seine Eltern
wiedersehen. Doch diese sind längst tot. Jahre später – Sashka
lebt inzwischen in Jerusalem – kehrt er als alter Mann
nach Kasachstan zurück und erinnert sich. Regisseur
Rustem Abdrashov erzählt in einer eigenwilligen Mischung
aus Landschaftsbildern und prall-bunten Details – die
nicht selten blutig sind. Auch „Die Jurte“ (Utov)
von Ayub Shahobiddinov führt in die Vergangenheit einer
abgelegenen Gegend des ehemaligen Sowjetreiches: Der Schafhirte
Ubay lebt Anfang der achtziger Jahre in einem einsamen usbekischen
Tal und kämpft verbissen darum, seinen Sohn Djavahir
an die uralten Traditionen des Hirtenlebens zu binden. Dieser
jedoch bringt einen Fernsehapparat mit ins Haus und verfällt
bald den Verlockungen der Welt „da draußen“.
Um sich von seinem strengen Vater loszureißen, geht
er zum Militär – um Jahre später als vom
Krieg gebrochener Ex-Soldat zurückzukehren.
Dass die Filme des „goEast“-Wettbewerbs
thematisch in ähnliche Richtungen schlugen, liegt natürlich
an der Auswahl der Festivalleitung und bietet nicht unbedingt
einen Querschnitt über das Filmschaffen der Länder
in Mittel- und Osteuropa. Wie abwechslungsreich dieses Kino
sein kann, zeigt seit fast 20 Jahren das Festival des osteuropäischen
Films in Cottbus mit einem breiten, bunt gefächerten
Programm. Dass man in Wiesbaden einen anderen Weg geht, passt
zum Selbstverständnis dieses Filmfestes, das vor neun
Jahren – trotz der großen Konkurrenz in Cottbus – vom
Deutschen Filminstitut (DIF) ins Leben gerufen wurde: Mit
erheblichem finanziellen Puffer des Landes Hessen und der
Hauptstadt Wiesbaden ausgestattet, möchte „goEast“ exklusive
Duftmarken setzen und Filmkunst zeigen, die sonst nirgendwo
läuft. Dass man dabei auch Gefahr läuft, einen
Tick zu akademisch aufzutreten, deutete sich auch im neunten
Jahr des Festivals im Kinosaal an. Entsprechend blieben die
Vorstellungen auch an Tagen wie Freitag- und Samstagabend,
die auf anderen Festivals für ausverkaufte Räume
sorgen, nur zu zwei Dritteln gefüllt. „goEast“ ist
zu wünschen, dass es in Zukunft den Anschluss zum großen
Publikum findet.
Mitten im Leben steht auch die große Überraschung
des diesjährigen Spielfilmwettbewerbs: „Das glücklichste
Mädchen der Welt“ (Cea mai fericita fata din lume)
des Rumänen Radu Jude strahlte mit der Vitalität
und Lebensnähe früher Roberto Rossellini-Filme
von der Leinwand im Wiesbadener Caligari-Kino. Mit Laiendarstellern
und einfacher Technik auf den Straßen Bukarests gedreht,
erzählt Radu Jude von der Teenagerin Delia, die ein
Preisausschreiben gewonnen hat und deshalb für einen
Werbespot Modell stehen soll. Ihre kleinbürgerlichen
Eltern wittern die Chance einer Filmstar-Karriere und motzen
ihr Töchterchen heftig mit Haarspray und Benimmregeln
auf. Das Auto, das Delia gewonnen hat, wollen sie natürlich
verkaufen, um ihr Eigenheim zu finanzieren. Doch Delia hat
andere Pläne: Mit dem Wagen will sie vor allem bei ihren
Klassenkameraden angeben. Was als Komödie beginnt, entwickelt
sich schnell zur bitterbösen Satire auf Profitgier – und
zum Porträt einer postkommunistischen Gesellschaft,
die dem Kapitalismus bis zur Perversion verfallen ist.
Vergangenheit und Gegenwart waren auch bestimmendes
Thema der übrigen „goEast“-Sektionen: Die
Retrospektive „Winter adé – Filmische
Vorboten der Wende“ zeigte Spiel-, Dokumentar- und
Animationsfilme, die während der letzten Dekade vor
der Wende entstanden und die Ahnung bargen, dass es mit den
alten Verhältnissen zu Ende geht. Die Hommage galt der
ukrainischen Filmemacherin Kira Muratova, deren regimekritische
Filme in der UdSSR regelmäßig zensiert wurden
und die nach der Wende als einzigartige Filmkünstlerin
gefeiert wurde. Das Porträt galt dem Tschechen Jan Sverák,
der nach einem Filmstudium noch vor der Wende ab 1989 zum
erfolgreichsten Regisseur seines Landes avancierte und für „Kolja“ 1996
sogar einen Oscar gewann.
Eine besondere Aufgabe sieht das „goEast“-Festival
in seiner Förderung des Nachwuchses: In einem Hochschulwettbewerb – an
dem sich in diesem Jahr die staatliche Kiewer Universität
für Theater, Film und Fernsehen „I. K. Karpenko-Kary“,
die Staatliche Akademie für Theater und Filmkunst in
Sofia sowie die Filmakademie Baden-Württemberg beteiligten – wurden
drei Preise verliehen. Und in einer Projektbörse konnten
Nachwuchsfilmer ihre noch nicht realisierten Ideen potentiellen
Produzenten vorstellen und einen Förderpreis gewinnen.
Die mit diesem Geld finanzierten Erstlingswerke können
sich dann wiederum im kommenden Jahr um einen Nachwuchspreis
bewerben. Dieses ungewöhnlich umfangreiche Förderprogramm
des „goEast“-Festivals haben die jungen Filmemacher
auch dringend nötig. Denn angesichts der Wirtschaftskrise
dampfen immer mehr Filmländer Osteuropas ihre Fördergelder
ein. Bei geplanten Einsparungen von weit über 50 Prozent
wird diese Entwicklung fatale Auswirkungen auf eine Filmindustrie
haben, die nach wie vor am Tropf staatlicher Förderung
hängt.
Florian Vollmers
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