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07.05.2009
 
 
     

Verwundete Seelen, verwüstete Landschaften


 

Geschenk an Stalin:
tragisch-poetische Zeitreise

 
 
 
 
 

Zum 9. Filmfestival des mittel- und osteuropäischen Films "goEast" in Wiesbaden vom 22.04 bis 28.04.2009

Mit der Großaufnahme eines Jungen, der in die Kamera blickt und dann schmerzerfüllt die Augen schließt, bevor die Leinwand schwarz wird, endet der große Gewinner des diesjährigen „goEast“-Festivals des mittel- und osteuropäischen Films, das Ende April in Wiesbaden zu Ende gegangen ist. Der zwölfjährige Tedo im georgischen Wettbewerbsbeitrag „Das andere Ufer“ (Gagma Napiri) von George Ovashvili schließt die Augen vor einer Welt, deren Anblick er nicht länger erträgt, weil sie ihn zutiefst verletzt hat. „Das andere Ufer“ spielt im heutigen Grenzgebiet zwischen Georgien und dem abtrünnigen Abchasien, einer vom Bürgerkrieg verwüsteten Region, in der Menschen wie Freiwild behandelt werden, elternlose Kinder ums Überleben kämpfen und Familien gewaltsam auseinander gerissen werden. So geht es auch Tedo, der verzweifelt nach seinem verschollenen Vater sucht. Die Verzweiflung des Jungen am Ende von „Das andere Ufer“ war wohl der bewegendste Moment des 9. „goEast“-Festivals. Zurecht wurde der 1963 geborene George Ovashvili, der in Wiesbaden seinen ersten Langfilm vorstellte, mit dem Hauptpreis „Goldene Lilie“ sowie dem Preis des internationalen Kritikerverbandes FIPRESCI ausgezeichnet.

Verwüstungen in Landschaften und Verwundungen in Seelen, die aus der Vergangenheit des Sowjetreiches herrühren und noch heute die Länder Mittel- und Osteuropas prägen, waren das unausgesprochene Leitmotiv des Spielfilmwettbewerbs in Wiesbaden: Nahezu alle Beiträge porträtierten Menschen, die verwirrt zwischen Überbleibseln des Totalitarismus und einem neugeordneten, und doch chaotischen Jetzt hin- und hergestoßen werden. So begleitet die russische Tragikomödie „Verrückte Rettung“ (Sumasšedšaja pomošc) zwei Trottel durch ihren Moskauer Alltag und entlarvt dabei das Leben in der russischen Metropole als Farce. In minutenlangen Einstellungen ohne Kamerabewegung tun sich der naive Landarbeiter Zhenja und ein geistig verwirrter Ingenieur zusammen, um eine Reihe seltsamer Missionen zu erfüllen – zum Beispiel Botschaften aus einem Vogelhäuschen zu empfangen oder das mysteriöse Aufklappen einer Mülltonne zu deuten. Zwischendurch werden die beiden von Straßenbanden verprügelt oder treffen immer wieder auf einen Polizeiinspektor, der sich selbst als Mobbing-Opfer fantasiert. So schwer verständlich und beliebig diese Inhaltsbeschreibung klingt, so ist auch das Kinoerleben von „Verrückte Rettung“. Regisseur Boris Chlebnikov, der bei „goEast“ mit dem Preis für die Beste Regie der Landeshauptstadt Wiesbaden ausgezeichnet wurde, will seinen Film als Metapher auf das heutige Moskau verstanden wissen – einer Stadt, die sich 20 Jahre nach dem Mauerfall auf die Suche nach sich selbst begeben hat.

Auch der Protagonist in Goran Rušinovics „Buick Riviera“ hat sich selbst noch nicht wiedergefunden. Verloren hat er sich im Jugoslawienkrieg: Anfang der neunziger Jahre ist der Kroate Hasan aus Bosnien in die USA geflohen, wo er die Polizistin Angela geheiratet hat. Ziel- und arbeitslos lebt er in den Weiten North Dakotas in den Tag hinein und wird immer wieder von Albträumen geplagt, die ihn in die brutale Zeit des Bürgerkriegs zurückversetzen. Einzig sein Auto, ein Buick Riviera aus den Sechzigern, scheint Hasan Ruhe zu schenken: Sitzt er hinter dem Steuer des Wagens, entspannt sich Hasan und kann alle Sorgen und Erinnerungen abschütteln. Als der Buick Riviera eines Tages im Schnee stecken bleibt, kommt ihm zufällig Vuko zu Hilfe. Der Serbe stammt ebenfalls aus Ex-Jugoslawien und provoziert den Muslimen Hasan nach anfänglicher Freundlichkeit schon bald mit altbekannten Vorurteilen. Die Vergangenheit des ethnischen Konfliktes baut sich in der neuen Heimat der beiden Männer zu einer gefährlichen Spannung auf. „Buick Riviera“, eine Koproduktion zwischen Kroatien, Bosnien und Herzegowina sowie Deutschland, entwickelte sich in Wiesbaden schnell zu einem Favoriten des Festivalpublikums: Zwei hervorragende Schauspieler, ein messerscharfes Drehbuch und vor allem der überzeugende Stilwillen des Regisseurs Goran Rušinovic, der mit seinen trist-schönen Tableaus an die Filme des Isländers Fridrik Thor Fridriksson erinnert, prägen einen der besten Beiträge des diesjährigen „goEast“-Wettbewerbs.

Einige Filme tauchten gleich ganz in die Vergangenheit ein und erzählten als historische Epen von den Repressalien der sowjetischen Besatzungsmacht und deren tragischer Wirkung auf das Leben in den einzelnen Regionen: „Geschenk an Stalin“ (Podarok Stalinu) von Rustem Abdrashov spielt im Jahr 1949 in der Einöde Kasachstans: Eisenbahnwaggons voller politischer Häftlinge durchrollen das Land auf dem Weg in weit entfernte Lager. Bei einem Zwischenstopp rettet der alte Kasache Kasym den jüdischen Jungen Sashka und nimmt ihn als Ziehsohn bei sich auf. Sashka glaubt, wenn er Stalin zum 70. Geburtstag ein ganz besonderes Geschenk schicken würde, könne er zur Belohnung seine Eltern wiedersehen. Doch diese sind längst tot. Jahre später – Sashka lebt inzwischen in Jerusalem – kehrt er als alter Mann nach Kasachstan zurück und erinnert sich. Regisseur Rustem Abdrashov erzählt in einer eigenwilligen Mischung aus Landschaftsbildern und prall-bunten Details – die nicht selten blutig sind. Auch „Die Jurte“ (Utov) von Ayub Shahobiddinov führt in die Vergangenheit einer abgelegenen Gegend des ehemaligen Sowjetreiches: Der Schafhirte Ubay lebt Anfang der achtziger Jahre in einem einsamen usbekischen Tal und kämpft verbissen darum, seinen Sohn Djavahir an die uralten Traditionen des Hirtenlebens zu binden. Dieser jedoch bringt einen Fernsehapparat mit ins Haus und verfällt bald den Verlockungen der Welt „da draußen“. Um sich von seinem strengen Vater loszureißen, geht er zum Militär – um Jahre später als vom Krieg gebrochener Ex-Soldat zurückzukehren.

Dass die Filme des „goEast“-Wettbewerbs thematisch in ähnliche Richtungen schlugen, liegt natürlich an der Auswahl der Festivalleitung und bietet nicht unbedingt einen Querschnitt über das Filmschaffen der Länder in Mittel- und Osteuropa. Wie abwechslungsreich dieses Kino sein kann, zeigt seit fast 20 Jahren das Festival des osteuropäischen Films in Cottbus mit einem breiten, bunt gefächerten Programm. Dass man in Wiesbaden einen anderen Weg geht, passt zum Selbstverständnis dieses Filmfestes, das vor neun Jahren – trotz der großen Konkurrenz in Cottbus – vom Deutschen Filminstitut (DIF) ins Leben gerufen wurde: Mit erheblichem finanziellen Puffer des Landes Hessen und der Hauptstadt Wiesbaden ausgestattet, möchte „goEast“ exklusive Duftmarken setzen und Filmkunst zeigen, die sonst nirgendwo läuft. Dass man dabei auch Gefahr läuft, einen Tick zu akademisch aufzutreten, deutete sich auch im neunten Jahr des Festivals im Kinosaal an. Entsprechend blieben die Vorstellungen auch an Tagen wie Freitag- und Samstagabend, die auf anderen Festivals für ausverkaufte Räume sorgen, nur zu zwei Dritteln gefüllt. „goEast“ ist zu wünschen, dass es in Zukunft den Anschluss zum großen Publikum findet.

Mitten im Leben steht auch die große Überraschung des diesjährigen Spielfilmwettbewerbs: „Das glücklichste Mädchen der Welt“ (Cea mai fericita fata din lume) des Rumänen Radu Jude strahlte mit der Vitalität und Lebensnähe früher Roberto Rossellini-Filme von der Leinwand im Wiesbadener Caligari-Kino. Mit Laiendarstellern und einfacher Technik auf den Straßen Bukarests gedreht, erzählt Radu Jude von der Teenagerin Delia, die ein Preisausschreiben gewonnen hat und deshalb für einen Werbespot Modell stehen soll. Ihre kleinbürgerlichen Eltern wittern die Chance einer Filmstar-Karriere und motzen ihr Töchterchen heftig mit Haarspray und Benimmregeln auf. Das Auto, das Delia gewonnen hat, wollen sie natürlich verkaufen, um ihr Eigenheim zu finanzieren. Doch Delia hat andere Pläne: Mit dem Wagen will sie vor allem bei ihren Klassenkameraden angeben. Was als Komödie beginnt, entwickelt sich schnell zur bitterbösen Satire auf Profitgier – und zum Porträt einer postkommunistischen Gesellschaft, die dem Kapitalismus bis zur Perversion verfallen ist.

Vergangenheit und Gegenwart waren auch bestimmendes Thema der übrigen „goEast“-Sektionen: Die Retrospektive „Winter adé – Filmische Vorboten der Wende“ zeigte Spiel-, Dokumentar- und Animationsfilme, die während der letzten Dekade vor der Wende entstanden und die Ahnung bargen, dass es mit den alten Verhältnissen zu Ende geht. Die Hommage galt der ukrainischen Filmemacherin Kira Muratova, deren regimekritische Filme in der UdSSR regelmäßig zensiert wurden und die nach der Wende als einzigartige Filmkünstlerin gefeiert wurde. Das Porträt galt dem Tschechen Jan Sverák, der nach einem Filmstudium noch vor der Wende ab 1989 zum erfolgreichsten Regisseur seines Landes avancierte und für „Kolja“ 1996 sogar einen Oscar gewann.

Eine besondere Aufgabe sieht das „goEast“-Festival in seiner Förderung des Nachwuchses: In einem Hochschulwettbewerb – an dem sich in diesem Jahr die staatliche Kiewer Universität für Theater, Film und Fernsehen „I. K. Karpenko-Kary“, die Staatliche Akademie für Theater und Filmkunst in Sofia sowie die Filmakademie Baden-Württemberg beteiligten – wurden drei Preise verliehen. Und in einer Projektbörse konnten Nachwuchsfilmer ihre noch nicht realisierten Ideen potentiellen Produzenten vorstellen und einen Förderpreis gewinnen. Die mit diesem Geld finanzierten Erstlingswerke können sich dann wiederum im kommenden Jahr um einen Nachwuchspreis bewerben. Dieses ungewöhnlich umfangreiche Förderprogramm des „goEast“-Festivals haben die jungen Filmemacher auch dringend nötig. Denn angesichts der Wirtschaftskrise dampfen immer mehr Filmländer Osteuropas ihre Fördergelder ein. Bei geplanten Einsparungen von weit über 50 Prozent wird diese Entwicklung fatale Auswirkungen auf eine Filmindustrie haben, die nach wie vor am Tropf staatlicher Förderung hängt.


Florian Vollmers

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