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26.02.2009
 
 
     

Bier aus Kaffeetassen


 

Underdoxig:
John Cook am Kaffeetisch

 
 
 
 
 

Zur Underdox-Halbzeit am 26.3. im Filmmuseum München

"Ich dachte damals, dass Dokumentarfilme aussehen sollten wie Spielfilme und Spielfilme genauso ein Gefühl für die Realität vermitteln müssten wie gute Dokumentarfilme." – John Cook

Das seit drei Jahren in München bestehende Indie-Festival UNDERDOX, das sich Filme zwischen Dokument und Experiment vorgenommen hat, feiert am heutigen Donnerstag "Halbzeit". Präsentiert werden zwei Filme des kanadisch-österreichischen Regisseurs und Modefotografen John Cook, der in den 1970er Jahren als Vertreter des Free Cinema Wien unsicher gemacht hat. Beide Filme, Ich schaff’s einfach nimmer (1973) und Langsamer Sommer (1976) werden als Stücke aus dem "Lost & Found"-Fundus gezeigt, sind aus dem Bewusstsein verloren gegangene und jetzt wiederentdeckte Filme. John Cook ist ein Regisseur, der gerade auch von den großen Festivals entdeckt wird; eine ihm gewidmete Werkschau lief auf der diesjährigen Berlinale.

John Cook kam als Außenseiter in das Wien der 70er Jahre. Er war Modefotograf, der kaum des Österreichischen mächtig war, und bewegte sich in einer schmelztigelartigen Mischung von Bohème und Proletariat. Seine Filme sind lebendige Zeugnisse einer Zeit, in der sich das Kino befreite. Zeitgleich mit John Cassavettes, Shirley Clarke, Jean Eustache oder Eric Rohmer fand auch John Cook in seinen Filmen zu neuen Erzählungen und Formensprachen.

Mit seinem ersten dokumentarischen Film Ich schaff’s einfach nimmer (1973) konnte er den damaligen Leiter des Österreichischen Filmmuseum, Peter Konlechner so begeistern, dass er ihn zu weiteren Filmen ermutigte und die nachfolgenden Werke als Premiere in seinem Haus aufführte. Ich schaff’s einfach nimmer dokumentiert das Leben eines sehr ungleichen Paars, von Petrus, dem Möchtegern-Profiboxer, und seiner doppelt so alten Frau Gisi, die sich als Hausbersorgerin in einem vornehmen Wiener Viertel verdingt. Cook, der damals noch neu und fremd in Wien war, hat in diesem Film das Leben der Menschen eingefangen, die ihm im Alltag begegnet waren und lässt in seinem Film ein Wien der Proletarier, Lebenskünstler, Verrückten und Verzweifelten entstehen.

Langsamer Sommer (1976) verlässt den rein dokumentarischen Blick auf eine vorgefunden Wirklichkeit und begibt sich in die dokumentarische Inszenierung. In einer sommerleichten Erzählung porträtiert Cook den Hang-Out einer Gruppe von jungen Bohèmes, die sich in Wien mit Aphorismen und schönen Models die Zeit vertreiben. John Cook spielt in diesem Film den Modefotografen John, Michael Pilz, der Produzent des Films, den Aphorismen dichtenden Michael. Langsamer Sommer ist ein Film, in dem die Wirklichkeit sich selbst spielt, und sich immer wieder neu erfindet. Sei es als Film-im-Film, sei es durch gefundene und wieder verworfene Lebenseinsichten. Und nebenbei kann man erfühlen, wie wichtig es bisweilen sein kann, sein Bier aus einer Kaffeetasse zu trinken.

Zwischen den Filmen trifft Olaf Möller, UNDERDOX-Kurator und Co-Herausgeber der "John Cook"-Mongrafie*, auf Michael Pilz, einem Weggefährten von John Cook. Dieser hat LANGSAMER SOMMER produziert und tritt im Film als Aphorismendichter auf. Das Gespräch wird gehen über den Aufbruch zu Zeiten des Free Cinema, die Entdeckung des Filmemachens, das Scheitern, die Wiederbelebung.

Dunja Bialas

* Michael Omasta, Olaf Möller (Hg.): John Cook. Viennese by Choice, Filmemacher von Beruf. FilmmuseumSynemaPublikationen, Wien 2006

Die Autorin ist Leiterin von UNDERDOX, zusammen mit Bernd Brehmer.

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