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01.05.2008
 
 
     
Die Hoffnung auf DEN Film- und die Angst, ihn zu verpassen
 
KIKE LIKE ME - auf der Suche nach dem Jüdischen von Jamie Kastner
 
 
 
 
 

Das Gemeine an einem Festival ist, dass es immer Filme gibt, die man nicht gesehen hat. Die guten, die besseren, DEN Film. Das Gute am DOK.FEST dieses Jahr ist, dass die Preisverleihung schon zur Halbzeit des Festivals am Sonntag, den 4. Mai stattfindet, so dass jeder die Möglichkeit hat sich die gekrönten Filme am letzten Tag des Festivals noch einmal anzuschauen. Manchmal sind das ja dann auch die guten Filme.
Über 60 Dokumentarfilme werden auf dem 23. DOK.FEST 2008 in München gezeigt, davon 16 im Wettbewerb. Ein paar Hinweise, welche Filme besonders fasziniert haben.

Ein Film lebt von seinen Protagonisten, das müssen nicht immer Menschen sein, aber oft sind sie es. In L'AVOCAT DE LA TERREUR von Barbet Schroeder heißt er Jacques Vergès. Dieser Anwalt des Terrors ist berühmt für seine Mandanten, die entweder für humanitäre Verbrechen angeklagt wurden oder für terroristische Aktivitäten. Darunter auch Nazi Klaus Barbie und Terrorist Carlos. Man glaubt es kaum, aber dieser Film zeigt eine überaus romantische und faszinierende Persönlichkeit in einem fein konstruierten Film und ist gleichzeitig ein spannender Thriller. Ein Rückblick auf die letzten 50 Jahre Terrorismus, von den lokalen Guerrilleros zum globalen Terrorismus, wie wir ihn heute erleben.
Die Biographie von Vergès spiegelt eine Anziehung für das Rebellentum, eine Wut gegen die Doppelmoral des Establishment und den Wunsch nach Erfolg. Vergès strickt an seinem eigenen Mythos und das macht er überaus charmant. Weniger charmant sind die Taten seiner Mandanten, aber sie sichern ihm eine Reputation, die nicht alltäglich ist und das schmeichelt seiner eitlen Seele.
L'AVOCAT DE LA TERREUR wurde 2008 ausgezeichnet mit dem französischen César für den besten Dokumentarfilm und ist in anderen Länder schon in den Kinos gestartet. Für Deutschland gibt es keinen Starttermin. Also eine gute Gelegenheit ihn auf dem DOK.FEST zu sehen.

Eine andere, ganz gegensätzliche Persönlichkeit findet sich in Pavel Kouteckýs Film CITIZEN HAVEL. Václav Havel, ehemaliger Präsident der tschechischen Republik und Schriftsteller wurde von 1993 an zehn Jahre mit der Kamera begleitet.
Sein Leitmotiv in der Politik: „Liebe und Wahrheit sollen über Lüge und Hass siegen“. Hörte man diese Worte aus einem deutschen Politikermund, so würde man sich wahrscheinlich verwundert die Ohren reiben. Bei Havel klingt das glaubwürdig.
Wir sehen Havel bei offiziellen und inoffiziellen Anlässen: mit Bill Clinton in der Jazzbar oder mit den Rolling Stones beim Empfang, aber auch die kleinen Momente mit seinen Beratern und Freunden, seiner ersten Frau Olga, die Trauer um ihren Tod, die zweite Heirat mit der Schauspielerin Dagmar Veškrnová und während eines Fototermins, bei dem kein Kleidungsstück passen will. In diesem Film ordnet sich die Kamera ihrem Protagonisten unter, hält sich zurück und beobachtet. Sie ist gänzlich unspektakulär und entspricht damit vielleicht auch ihrem Protagonisten, der in seiner subtilen Menschlichkeit die Politik seines Landes vertrat.

Filmisch faszinierend ist der Film STRANDED, abgesehen davon, dass er die unglaubliche Überlebensgeschichte der Passagiere der Urugyan Air Force 571 wieder erzählt. 1972 stürzte die Maschine mit 45 Menschen über den chilenischen Anden ab. An Bord eine junge Rugbymannschaft aus Uruguay mit Freunden und Verwandten und die Besatzung. 72 Tage lang mussten die „Gestrandeten“ ausharren und unter extremem Bedingungen ihr Überleben sichern. In 4000 Meter Höhe, umgeben von Eisgletschern und als Unterkunft das Flugzeugwrack. Nur 16 überlebten. Dreißig Jahre später kehren sie an den Ort der Tragödie zurück und versuchen, ihren Kindern zu erklären, was sie damals erlebt haben. Exzellent montierte Interviews, ein herausragendes Sounddesign und beeindruckendes fiktives Material, das Szenen nachstellt, ohne jemals voyeuristisch zu wirken. Die Fiktion ist ohne Dialog, fängt dafür aber die Atmosphäre einer jungen ausgelassenen Mannschaft ein, die von einem Moment zum anderen mit dem eigenen Überleben konfrontiert ist und in totaler Abhängigkeit voneinander agiert. Sie sehen sich vor eine schwierige Entscheidung gestellt: entweder das Fleisch der Toten zu essen, oder zu verhungern.

Ganz anders der Film von Rory Kennedy GHOSTS OF ABU GHRAIB.
Das berüchtigte Gefängnis Abu Ghraib am Rande der irakischen Hauptstadt Bagdhad ist jedem ein Begriff, denn man erinnert sich vor allem an die Fotos grinsender US-Wachsoldaten aus dem Jahr 2004, die mit gefolterten Häftlingen posierten. Ein Skandal ging um die Welt. Das Weiße Haus distanzierte sich von den „faulen Äpfeln im Korb“. Sündenböcke wurden gesucht und gefunden. Sie hatten zufällig alle niedrige Dienstgrade, und die hochrangigen Verantwortlichen sahen sich entlastet. In GHOSTS OF ABU GHRAIB deckt Filmemacherin Rory Kennedy auf, wie die Genfer Konventionen systematisch außer Kraft gesetzt wurden und somit Foltermethoden Tür und Tor geöffnet waren. Auch ehemalige Insassen von Abu Ghraib kommen zu Wort und die Wachsoldaten, die wir von den Fotos kennen. Wie konnte es dazu kommen? Der Frage geht Rory Kennedy nach und ohne die Absegnung von oben hätte dies nicht passieren können. Auch wenn man es vorher schon ahnte, jetzt weiß man es.

Weitere empfehlenswerte Filme: THREE TIMES DIVORCED, eine palästinensische Mutter sieht sich von ihren sechs Kinder getrennt als sie ihren Mann verlässt. Ohne israelischen Ausweis ist sie rechtlos. KIKE LIKE ME, Filmemacher Jamie Kastner begibt sich auf eine Reise um die Welt um der Frage auf den Grund zu gehen, was es bedeutet Jude zu sein. Und was ist daran so interessant, wissen zu wollen, ob der andere jüdisch ist? Auch für den Filmemacher war es eine Reise der Endeckungen.

Außergewöhnliche Landschaften Islands sieht man in DIE NATUR VOR UNS von Niels Bolbrinker. Die Kunst der Fotografie und des fotografischen Rahmens anhand des deutschen Künstlers Alfred Ehrhardt. Beeindruckend schöne Bilder.

L'AVOCAT DE LA TERREUR (Fr. 02. Mai 20:00 im Arri; So. 04. Mai 14:00 im Filmmuseum)
CITIZEN HAVEL (Do. 01. Mai 19:30 im Filmmuseum; Di. 06. Mai 19:00 im Arri)
STRANDED (Sa. 03. Mai 21:30 im Atelier; Mi. 07. Mai 17:00 im Arri)
GHOSTS OF ABU GHRAIB (Sa. 03. Mai 19:30 im Atelier; Mo. 05. Mai 17:30 im Arri)
THREE TIMES DIVORCED (01. Mai 17:00 im Gasteig; So. 04. Mai 18:30 im Atelier)
KIKE LIKE ME (Do. 01. Mai 22:00 im Atelier; Sa. 03. Mai 20:00 im Arri)
DIE NATUR VOR UNS (Do. 01. Mai 15:30 im Atelier; Sa. 03. Mai 22:00 im Filmmuseum)

 

Magali Thomas

 

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