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08.08.2002
 
 
       

Krise vor der Krise
Geschichten aus der großen Stadt - Zur Reihe "BerlinBilder" im Münchner Werkstattkino

 
 
ALASKA.DE von Esther Gronenborn
   
 
 
 
 

Anfang der 90er lebte in Deutschland plötzlich ein alter Traum wieder auf: Der Mythos der Metropole, die Symphonie vom Großstadtleben als der prototypischen Existenz der Moderne. Bereits in den nicht für alle ganz so goldenen "Goldenen Zwanzigern" der Weimarer Republik schien er in der deutschen Hauptstadt Wirklichkeit geworden zu sein. Jetzt, im unverhofft wiedervereinigten Berlin des ausgehenden Jahrhunderts glaubte man, ihn wiederfinden zu können. Musik und Literatur, aber eben auch das Kino feierten das wilde Metropolendasein, berauschten sich an Bildern einer neonbeleuchteten, taghellen, immerjungen Nacht.

Ein paar Filme, die die andere Seite zeigen, die hinter den Mythos gucken, und ihn nicht bedienen, ohne ihn aber umgekehrt zu verachten, sind jetzt in der Reihe "BerlinBilder" im Werkstattkino zu sehen. Zum Teil in Erstaufführungen zeigt man dort richtig gutes junges deutsches Kino abseits der HARTEN JUNGS und MÄDCHEN, MÄDCHEN - viel besser, präziser, näher am Leben und an der Wirklichkeit.

Am meisten Phantasie ist noch FANDANGO von Matthias Glasner. Ein Wagnis und finanzielles Fiasko, das zigmal angekündigt und wieder verschoben wurde, und aufgrund einer irrwitzigen Produktionsgeschichte nie richtig ins Kino kam. Ein Film über das Leben als Rave, ein Weiterstricken des 20er-Jahre-Mythos vom Glück in der ewigen Party und eine Erinnerung an das, was einmal, vor der Krise, "Spaßgesellschaft" hieß - sehenswert schon wegen der bezaubernden Nicolette Krebitz. Dass das Flanieren in der großen Stadt auch damals schon anders aussehen konnte, als es die vergilbten Werbeprospekte der 90er zeigen mochten, beschreibt PLUS-MINUS NULL, für den Eoin Moore 1998 den HypoPreis beim Filmfest gewann: Harte Realität dreier einsamer Looser, deren Träume schon gescheitert sind. ALASKA.DE von Esther Gronenborn und Valeska Griesebachs MEIN STERN beobachten zunächst Gruppen Jugendlicher, um sich dann immer mehr auf eine bestimmte Hauptfigur zu konzentrieren. Zwei grundverschiedene, gleichermaßende treffende Portraits jugendlichen Lebensgefühls, das die die ganz normale Krise wiederspiegelt, die wir Alltag nennen, und vom 20 Jahre alten "No Future" weit weniger entfernt ist, als man meinen möchte. Überhaupt sind es oft Frauen, die diese Filme machen: Angela Schanelec (DAS GLÜCK MEINER SCHWESTER), Maren-Kea Freese (ZOE), vor allem aber Maria Speth in ihrem wunderbaren IN DEN TAG HINEIN gelingt ein jeweils ganz eigener Ton, der nahe dran ist, an der konkreten Erfahrung.

Die Großstadt in diesen Filmen ist weder glänzend, noch schnell. Aber sie ist wahr. Und gerade in Beiläufigkeit und Präzision erstrahlt wie nebenbei eine stille Aura.

Rüdiger Suchsland

Bis zum 15.08.02, Zeiten und Reservierungen vor Ort oder unter 089-2607250

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